Berliner Morgenpost

Clipping from the April 24, 2003 Issue

Hüllen, die enthüllen | Feinfühlig, experimentell, voyeuristisch: Die Berliner Designerin Claudia Hill kleidet Forsythes Tänzer ein | VON VOLKER BLECH | Männer müssen sich wohl damit abfinden, dass Porsche, Bodybuilding und Testosteron-Salben nicht immer helfen. Worauf achten junge Frauen beim Mann? „Auf den Gang“, sagt Claudia Hill. „Der Gang muss supersexy, kann aber ruhig ein wenig tollpatschig sein.“ Und worauf schaut frau bei Frauen? „Auf den Nacken!“ Claudia Hill muss es wissen. Sie ist für die Ver- und Enthüllung menschlicher Körper zuständig. Sie selbst bezeichnet sich als Kleidungsdesignerin. | Wir treffen uns in ihrer geräumigen und ziemlich leeren Wohnung unweit der Volksbühne. Hierher ist sie vor einigen Monaten aus New York gezogen. Wir sitzen vor einer großen Kaffeetasse mit Tee -und blicken auf den grünen Hinterhof. Neben uns steht eine mehr oder weniger nackte Kleiderpuppe. Ihre Mode bezeichnet Miss Hill als „feinfühlig, experimentell und etwas voyeuristisch“. Womit wir wieder beim nackten Nacken wären. Oder den anderen Körperteilen, auf die Claudia Hill mit raffinierten Schlitzen, Guckfensterchen und wenig Stoff aufmerksam machen will. „Tänzer gehen damit freier um“, meint sie, „und sind überhaupt androgynere Wesen.“ Deshalb hat sie für ihre Modenschauen bislang mit Tänzerinnen gearbeitet. | Dieser Tage hat die Modemacherin das Metier gewechselt. Als Kostümdesignerin kleidet sie William Forsythes Ballett Frankfurt für die Uraufführung (27. April) von „Decreation“ im Bockenheimer Depot ein. Im vorigen Juni hat sie dem Choreographen einige Arbeiten zugeschickt. Irgendwann traf man sich. So einfach klingt alles, wenn Claudia Hill über ihre Projekte erzählt. Nein, sie habe keine Zukunftsangst. Obwohl es „bislang ein harter Weg war.“ Womöglich habe sie den eisernen Willen von ihrem Vater, meint sie nach kurzem Nachdenken. Der hat für Siemens Messen organisiert und die Firma immer vor die Familie gestellt. | Währenddessen bringt ihre tschechische Mutter, eine Schneiderin, die kurz vorm Prager Frühling nach Deutschland kam, ihrer Tochter das Nähen bei. Das war in Erlangen. In Würzburg arbeitet Claudia Hill zeitweilig in einem Buchladen und macht nebenbei Kleidung. Um Tanzunterricht zu nehmen, geht sie schließlich nach New York. Zunächst für drei Monate, ihr Mann Martin, ein Software-Architekt, folgt schon bald, als er merkt, wie ernst es ihr ist. Allerdings nicht mehr mit der Tanzerei. „Es war nicht mein Ding“, gibt sie ehrlich zu, „im Rampenlicht zu stehen.“ Sie taucht bald ein in die „unfertige Welt der Mode und Performances“ zwischen New York, Paris und Tokio. Am Broadway ist sie Co-Designerin für das Musical „Rent“. Sie macht Kostümbilder für Theater und Film. In New York lebt sie zeitweilig in einer Gegend, wohin „sich nicht einmal die Kontrolleure der Stromgesellschaft getraut haben“. Aber mittlerweile seien die armen, wilden, stimmungsvollen Jahre vorbei, bedauert sie: „Wer heute in New York leben will, muss viel arbeiten, um die Mieten bezahlen zu können. Überhaupt tragen jetzt viele lieber einen Anzug und reden über Finanzen.“ | Die Rückkehr nach Europa wird geplant. Zunächst ein Abstecher nach Paris. Dort ist sie auch am 11. September. „Ich hatte große Angst um meinen Mann“, erinnert sie sich, zumal in den Nachrichten immer wieder eine Sequenz gezeigt wurde, in der sich Menschen aus dem World Trade Center stürzten -im Vordergrund war das Gebäude mit ihrem Atelier zu sehen. Aber viel mehr möchte sie nicht über diesen Tag erzählen. | Die Entscheidung fällt schließlich für Berlin. Die Stadt ist zwar für Mode „komplett unwichtig“, meint Claudia Hill: „Aber es ist ein neuer Ort, wohin viele Leute, auch aus New York, gern kommen.“ Berlin sei „eine Stadt, die hässlich sein kann, aber eben noch nicht so komplett ist.“ Eine Stadt für Neueinsteiger. Demnächst will Claudia Hill in Mitte einen eigenen Laden für Mode und Fotografie eröffnen. | Während sie darüber spricht, tippelt Ehemann Martin auf Socken an uns vorbei ins Nebenzimmer, um nach dem sieben Monate alten Sohn Nemo zu schauen. Wir beide schauen prüfend auf seinen Gang. Es ist schon beruhigend zu wissen, dass Frauen bei der Wähl ihres Mannes auch noch andere Kriterien haben müssen. | Mit raffinierten Schlitzen, Guckfensterchen oder Trägern werden Körperteile betont: Am liebsten arbeitet Claudia Hill (o.) mit Tänzerinnen wie Nicole Peisl (gr. Foto) zusammen Fotos: Schwer, Inaoka |

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