Kleidung, nicht Kostüm
Die Modedesignerin Claudia Hill hat Forsythes „Decreation” ausgestattet / Uraufführung am Sonntag
Daß William Forsythes neues Ballett „Decreation” heißt, hat sich auch in Claudia Hills Kostümen niedergeschlagen. Aus dem Fundus, aus fertigen, von ihr veränderten Kleidungsstücken und aus Teilen ihrer eigenen Kollektion hat die 34 Jahre alte Mode- und Kostümdesignerin nun ihre erste Ballett-Ausstattung zusammengestellt. Am Sonntag hat das neue Forsythe-Stück im Bockenheimer Depot seine Uraufführung. Zerfasert, aufgetrennt, ein wenig aufgelöst, wie es der Titel „Decreation” nahelegt, wird die Kleidung der Tänzer sein. „Normalerweise verarbeite ich ganz perfekt – hier ist nun alles ganz roh”, erklärt die schmale junge Frau. „Es ging darum, Dinge, die einmal da waren, zu entfernen, so daß nur noch die Basis übrigbleibt. Dann kann man daraus etwas Neues machen. ” Gerade hat sie an einer Tänzerin eine Hose abgesteckt: Bis zum Schluß muß noch das eine oder andere geändert werden. Die Sicherheitsnadeln hat Hill an ihre Jeans geheftet, um sie griffbreit zu haben.
Mit wenigen Pausen hat sie den Probenprozeß zu Forsythes neuer Arbeit miterlebt und parallel dazu in der Schneiderei die Kostüme erstellt. Obwohl es sich genaugenommen nicht um „Kostüme" handele, sagt Claudia Hill und lächelt. Es sei Kleidung für Tänzer. Und als sie angefangen habe, sie zu entwerfen, habe sie außer dem Titel noch gar nichts über Forsythes Stück gewußt. Einig sei sie sich mit dem Choreographen über die generelle Linie gewesen: „Es geht um Alltäglichkeit”, sagt Hill, die nur Sachen entwerfen will, in denen sie sich selbst auch wohl fühlen würde.
Ihre „Decreation”-Modelle sehen fragil aus: ein Oberteil, das aus einem Ärmel gefertigt ist. Baumwollhemden in blassem Rosa, deren Taschen wie mutwillig herausgeschnitten aussehen und deren Ärmel durch diejenigen eines T-Shirts ersetzt sind, die Nähte nach außen gewendet. Eine blaue Hose, deren Kniepartie seltsame Falten wirft, aus Hills eigener Kollektion. Dazwischen liegen in der Garderobe des Bockenheimer Depots einige steife Tüllkragen und Manschetten aus dem Fundus des Balletts Frankfurt. Claudia Hill hatte sie zu einer Probe mitgebracht, in der es um „Pseudohistorisches” ging: „Es paßte einfach.”
Vor einem Jahr etwa hat Hill William Forsythe Ausschnitte aus ihrer Arbeit zugeschickt. Prompt schlug er ihr eine Zusammenarbeit für „Decreation” vor. Damit ist Hill, die in ihren Modeschauen lieber Tänzerinnen als Models engagiert und selbst einmal in New York modernen Tanz studiert hat, ein wenig zu ihren Ursprüngen zurückgekehrt: Mit Kostümassistenzen und Kostümdesign hatte sie Anfang der neunziger Jahre begonnen, bevor sie Modedesignerin wurde. Seit mehr als fünf Jahren entwirft sie nun ihre eigene Mode, die in kleiner Auflage entsteht und vor allem in Japan und in New York verkauft wird. Mit einer japanischen Partnerin hat sie eine T-Shirt-Kollektion entwickelt: „Irgendwann hatte ich keine Zeit mehr für Kostüme. ” Doch immer wieder suche sie Kontakt zu anderen Künsten. Von Forsythes Balletten sei sie schon früher begeistert gewesen, die Zusammenarbeit habe ihr Spaß gemacht. Nun hofft sie auf weitere Projekte in Ballett und Theater. Selbst noch einmal mit dem Tanzen anzufangen, kann sie sich nicht vorstellen. Sie habe ihre eigene Kreativität gefunden. Aber ein wenig neidisch, das gibt sie zu, sei sie schon auf die Tänzer gewesen: „Die haben jeden Tag ihr Training, während es bei mir nicht einmal mehr zu Yoga reicht.”
EVA-MARIA MAGEL
Die Uraufführung von „Decreation” ist am 27. April um 20 Uhr im Bockenheimer Depot.
Zerfasert, aufgetrennt, aufgelöst: Claudia Hills Vorstellung von „Decreation”
Foto: Wonge Bergmann

